"ICH BIN EINE BRÜCKE ZUR NÄCHSTEN KULTUR"

     eine Schnittstelle von zusammenarbeitenden Forschern einer tragfähigen Kultur

 


RITUELLER ÜBERTRITT

Ein Übertritt ins Erwachsenenalter ist der formelle und gefürchtete Aktivierungsprozess, bei dem wir die Kindheit hinter uns lassen und ins Erwachsensein eintreten. Das Ritual muss authentisch sein, sonst hat es keinerlei Wirkung darauf, auf unstillbare Art erwachsene Verantwortung zu entfachen, damit die eigene Bestimmung gelebt werden kann.


2007 habe ich in einem Münchner Museum eine Ausstellung von kulturellen Artefakten aus Ozeanien gesehen, insbesondere von Kulturen der polynesischen Inseln. Ich stand lange vor einem kunstvoll geschnitzten Brett, welches etwa anderthalb Meter lang und sechzig Zentimeter breit war. Dieses Brett war über viele Jahre von Generation zu Generation weitergereicht worden. Es war das Brett, welches beim rituellen Übertritt der jungen Männer dazu benutzt wurde, die Körper jener Jungen zurück ins Dorf zu tragen, die es nicht geschafft haben. Sie haben zehn Prozent der Jungen während der Übertritte verloren. Das ist es, was ich mit ‚gefürchtet’ meine.


In der westlichen Kultur haben wir keinen rituellen Übertritt ins Erwachsenenalter. Obwohl der Übertritt in menschlichen Kulturen auf der ganzen Welt seit 40.000 Jahren eine zentrale Rolle gespielt hat, scheinen wir seine Notwendigkeit und seinen Wert vergessen zu haben. Das Ergebnis ist, dass wir keine wirklichen Erwachsenen in unserer Kultur haben. Die Führer in Regierung, Ausbildung, im Militär, in der Geschäftswelt und der Religion bleiben Heranwachsende, die ältere Körper bewohnen. Wir wissen nicht einmal, was erwachsen sein bedeutet. Auch haben wir noch nicht erkannt, was uns das kostet, aber wir sind kurz davor. Keine Erwachsenen zu haben hat einen alarmierenden und bleibenden Bumerangeffekt. Das Fehlen erwachsener Verantwortung zum Beispiel erlaubt uns zu akzeptieren, dass zwei Drittel der Weltbevölkerung verhungern, während das andere Drittel Unsummen dafür bezahlt, Fett abgesaugt zu bekommen. Ein kindlicher Verantwortungsgrad zeigt sich in übermäßigem Gebrauch von technischem Spielzeug, während wir gleichzeitig das tödliche Chaos, das wir produzieren, so viele giftige Nebenprodukte, die das gesamte Klima der Erde verändern, ignorieren. Wir haben uns so sehr einem kindlichen und jugendlichen Verantwortungsgrad verschrieben, dass wir uns immer noch um Territorien und Ressourcen streiten statt faire Wege zu finden, wie wir alles teilen können.


Es gibt ein ausführliches Kapitel in dem Buch Wahre Liebe im Alltag von Clinton Callahan (das bin ich), welches untersucht, was einen modernen Übertritt ausmachen würde, und insbesondere inwiefern er sich hinsichtlich der Neuanordnung der Montagepunkte (ein Begriff von Carlos Castanedas Lehrer Don Juan Matus) von den traditionellen Übertritten wie oben erwähnt unterscheiden würde. Ich habe keine anderen Quellen gefunden, die eine derartige Klarheit liefern könnten.


Hier werde ich auf zwei Elemente eingehen, die im Ausbildungskontext der westlichen Kultur fehlen, und wo Sie persönlich anfangen könnten zu forschen, sowohl für sich selbst als auch für Ihre Kinder. (Auch diese Ideen werden in dem Buch Wahre Liebe im Alltag weiter ausgeführt.) Die beiden fehlenden Elemente sind Gefühle und das Ersternen von Archetypen. Im Hinblick auf Gefühle werde ich eine mentale Landkarte benutzen, die von Valerie Lankford in den siebziger Jahren entwickelt wurde. Auf ihrer Landkarte teilt sie alle menschlichen Gefühle in vier Kategorien ein: Wut, Traurigkeit, Freude und Angst, wie es auf der Landkarte der Vier Gefühle zu sehen ist.


Eine solche Landkarte schafft enorme Klarheit, vor allem in einem Bereich, der zunächst völlig überwältigend zu sein scheint. Wie Valerie zu sagen pflegte, hilft Ihnen diese Landkarte zu denken, während Sie fühlen. Auf diese Weise können Sie lernen, klar über Gefühle zu kommunizieren. Sie können lernen zu unterscheiden, welche der vier Gefühle Sie in jedem Moment fühlen, und Sie können sagen: „Ich fühle mich (wütend, ängstlich, traurig, froh, weil ___________.“ Und Sie können das auch Ihren Kindern, Kollegen, Ihrem Chef, Ihren Angestellten und selbst Ihrem Partner beibringen. Welch ein Geschenk!

2005 wurde diese Landkarte von Marion Krause in ihren Gefühlsworkshops weiterentwickelt. Marion erkannte, dass ein Großteil der Kraft dadurch verloren geht, dass die Menschen unbewusst Ihre Hauptgefühle miteinander vermischen. Wenn Menschen beispielsweise Wut und Traurigkeit vermischen, machen sie eine Erfahrung, die allgemein als Depression bekannt ist. Die Depression ist ein automatisches Ergebnis der Vermischung von Wut und Traurigkeit. Sie können das Erlebnis einer Depression jederzeit hervorrufen, indem Sie einfach Wut und Traurigkeit miteinander vermischen. Sie können die Erfahrung der Depression auch jederzeit beenden, indem Sie die Wut und die Traurigkeit voneinander trennen und jedes einzelne Gefühl separat in seiner reinen Form erleben und ausdrücken.

Das ist eine revolutionäre Entdeckung, die in der westlichen Kultur bisher unbekannt ist, denn dort behandeln Heilpraktiker das Symptom der Depression zum größten Teil weiterhin mit den Modalitäten der Psychotherapie, Drogen oder dem so genannten positiven Denken.

Marion entdeckte ferner, dass die Vermischung aller anderen Gefühle ebenso kraftraubend war. Auf der folgenden Landkarte sind die einzelnen Vermischungen deutlich zu sehen. Jede Vermischung kann durch innere, auf Erfahrung beruhende Klarheit leicht aufgelöst werden, indem die Gefühle voneinander getrennt werden und in ihrer reinen Form erlebt werden. Dies wurde unzählige Male auf bemerkenswerte Art bewiesen, wenn Personen, die durch das Vermischen von drei oder allen vier Gefühlen an Katatonie litten, den kurzen, geführten Prozess durchliefen, respektvoll ihre Gefühle eins nach dem anderen zu trennen, und dadurch plötzlich einen Grad an Funktionalität und Beziehung zurückerlangten, den sie seit Jahren, wenn überhaupt, nicht mehr erlebt haben.


Diese einfachen Unterscheidungen in Bezug auf Gefühle sind wesentliche Elemente für das Wohlbefinden von Menschen, die darauf hoffen, in einer Kultur des Seins miteinander zu leben. Die Kultur des Habens ist weitgehend darauf ausgerichtet, Gefühle zurückzuhalten, Gefühle als gefährlich, unzivilisiert, unreif, kindisch, weiblich, unansehnlich usw. anzusehen. Dabei trifft eher das Gegenteil zu. Aber es stellt eine gewaltige Herausforderung dar, das zu erfahren. Das neue Lernen untergräbt und hinterfragt große Abschnitte der traditionellen westlichen Kultur, einschließlich ihrer verstandesorientierten Ausbildung, welche Gefühle ignoriert, ihrer Medizin- und Heiltechniken, welche Gefühle als eine Art Krankheit betrachten und ihrer Massenmedien, welche unbewusste Gefühle dazu gebrauchen, Unsicherheit zu erzeugen und Konsumenten dazu zu manipulieren, sich durch das, was sie kaufen und konsumieren, eine Identität anzueignen statt derjenige zu sein, der sie sind.


An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass es bei der Gefühlsarbeit zwei Phasen gibt. In Phase Eins lernt eine Person zu fühlen. Dies ist ein wesentlicher Lernprozess, der unter Anleitung ein bis zwei Jahre dauern wird. Phase Eins bedeutet, zu lernen, innerlich das Erleben von Wut, Traurigkeit, Freude und Angst zu steuern, die Gefühle bewusst eines vom anderen in seiner reinen Form zu unterscheiden, in einem selbst und in anderen, nicht vermischt, sie ohne Grund aufkommen zu lassen und zu stoppen, den Ausdruck der Gefühle vom kindlichen bis zum erwachsenen, verantwortlichen Ausdruck reifen zu lassen, und zu ermitteln, welcher Prozentsatz an archetypischer Intensität zwischen null und hundert Prozent ausgedrückt wird. Das kann auf direkte und einfache Art in verschiedenen Trainingsprogrammen erlernt werden (z.B. Callahan Academy Trainings www.callahan-academy.com). Obwohl es ein bis zwei Jahre Praxis in Anspruch nimmt, ist Phase Eins der Gefühlsarbeit ein wesentlicher Bestandteil eines echten Übertritts ins Erwachsenenalter.

Die Landkarte der Vier Gefühle aus der alten Kultur zeigt, dass es nicht in Ordnung ist, irgendeines der Gefühle zu fühlen. Seit vielen Jahren sind wir dazu trainiert worden, nicht zu fühlen.


Auf der Landkarte der Vier Gefühle aus der neuen Kultur ist es in Ordnung, zu fühlen. Phase Zwei der Gefühlsarbeit hat zur Folge, das Talent zu entwickeln, die Energie und Information Ihrer neu gefundenen Gefühle verantwortlich zum Einsatz zu bringen. Dann werden die Gefühle zu einer nicht zu ersetzenden Ressource und dienen uns auf folgende Art und Weise:


Phase Zwei der Gefühlsarbeit kann nicht vor Phase Eins geschehen. Mit der erfolgreichen Durchführung von Phase Eins und Phase Zwei der Gefühlsarbeit erlangen Sie die Möglichkeit, Ihre Archetypen zu ersternen, ein weiterer Aspekt eines echten Übertritts ins Erwachsenenalter.


Das Ersternen Ihrer Archetypen
Das Wort „Ersternen“ bedeutet, sich von einem Planeten zu einem Stern zu verwandeln. Planeten unterscheiden sich von Sternen dadurch, dass sie – wie die Erde – mehr Energie absorbieren als sie ausstrahlen. Sterne – wie die Sonne – strahlen mehr Energie ab, als sie absorbieren.

Der Unterschied zwischen Planeten und Sternen lässt sich ebenso auf Menschen übertragen. Menschen werden dazu trainiert, als Planeten zu leben. Ihnen wird beigebracht, so viele Ressourcen wie möglich zu konsumieren, Wissen über bereits Bekanntes zu absorbieren, Stile zu imitieren, kritisch zu bewerten, ob Dinge gut oder schlecht sind oder ob sie Ihre Vorlieben erfüllen oder Ihren Erwartungen entsprechen, sich der Autorität eines anderen zu beugen, sich über Unbequemlichkeiten zu beschweren und die Machthaber zu ersuchen, Veränderungen vorzunehmen.

Obwohl Sie dazu trainiert werden, als Planet zu leben, sind Menschen in Wirklichkeit dazu entworfen, als Sterne zu leben. Sie sind dazu entworfen, mehr als genug Ressourcen für sich und Ihre Spielwelten zu produzieren. Sie sind dazu entworfen, mehr als genug Intelligenz, Liebe, Kreativität, Inspiration, Geld, Energie, Zeit und Zusammenarbeit zu generieren, um in Ihren Projekten, Ihrer Familie und Ihrer Arbeit reichlich Erfüllung zu finden. Sie sind dazu entworfen, zu strahlen, die Quelle zu sein, sich selbst neu zu entwerfen, zu entdecken, zu forschen, zu erfinden, zu lernen, zu entwickeln, neue Dinge auszuprobieren und ohne Beachtung irgendeiner anderen Autorität Veränderungen vorzunehmen.


Wie der Pirat Jack Sparrow – ich meinte, Capt’n Jack Sparrow – zu sagen pflegt: „Die einzige Regel, die wirklich eine Rolle spielt, ist folgende: Was ein Mann kann - und was ein Mann nicht kann!“ Ich bezweifle, dass Sie auch nur die Spur einer Vorstellung davon haben, was Sie wirklich tun können, wenn Sie als Stern loslegen.

Der Wechsel von einem Leben als Planet zu einem Leben als Stern ist ein Vorgang, der Ihre angeborene und unstillbare Inspiration entfacht. Die Ersternung geschieht durch das bewusste Erleben und Ausdrücken von 100% archetypischer Intensität jedes der vier Gefühle ohne Grund.

Es gibt vier Archetypen zu ersternen, von denen jeder mit einem der vier Gefühle assoziiert ist.
• 100% Wut ersternt den Krieger bzw. die Kriegerin, modern ausgedrückt den Macher.
• 100% Angst ersternt den Magier bzw. die Zauberin, modern ausgedrückt, den Schöpfer oder Kreierenden.
• 100% Traurigkeit ersternt den Archetyp des Liebenden, modern ausgedrückt den Kommunikator.
• 100% Freude ersternt den Archetyp des Königs bzw. der Königin, modern ausgedrückt den verantwortlichen Führer oder den von uns so benannten Possibility Manager.

Vorzugsweise sollte die Ersternung des Kriegers bzw. der Kriegerin zu Beginn geschehen, denn die Wut kann, wenn sie verantwortlich und bewusst aktiviert ist, sicherstellen, dass die anderen drei Gefühle mit ihrer maximalen archetypischen Intensität erlebt und ausgedrückt werden können. Der Krieger, Magier und Kommunikator dienen alle dem König bzw. der Königin. Das ist der angemessene Beginn des reifen, verantwortlichen Erwachsenseins.

Das Ersternen ist mit einer fortschreitenden Erweiterung Ihrer Box verknüpft, wobei Sie die gegenwärtigen Landkarten Ihrer Box genauestens untersuchen und sich gleichzeitig mit weiterentwickelten Landkarten vertraut machen, welche größere Klarheit und Möglichkeit bieten. Die Annahme neuer Landkarten ändert die Form Ihrer Box. Jede Veränderung der Form setzt voraus, dass Ihre Box den Flüssigzustand durchläuft und involviert tiefe, emotionale Arbeit – mit Wut, Traurigkeit, Angst oder Freude. Ein sicheres und nachhaltiges Ersternen ist damit verbunden, einen beträchtlichen Schritt zu machen, d.h. dass Sie sich etwa alle drei Monate mehrere Tage lang in einem transformatorischen Trainingsumfeld aufhalten, und das über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren. Das Ergebnis der Ersternung garantiert kein Glücklichsein, keinen Wohlstand, keine Gesundheit oder Erleuchtung. Das Ergebnis der Ersternung bedeutet, die Würde zu haben, Ihr Leben im Dienst an Ihren Bestimmungsprinzipien zu leben.


GEFÜHLE INITIIEREN
Jeder Archetyp wird individuell durch einen geführten Prozess „initiiert“, bei dem Sie absichtlich 100% maximale archetypische Gefühle erleben und ausdrücken, bis sich Ihre Beziehung zu dem Gefühl verändert. Vor dem Ersternungsprozess sind die unausgedrückten und oft unbewussten Gefühle größer als Sie. Nach dem Ersternungsprozess sind Sie größer als die Gefühle. Vor dem Ersternen besaßen die Gefühle Sie, danach besitzen Sie die Gefühle. Vor dem Ersternen enthielten die Gefühle Sie, danach enthalten Sie die Gefühle. Die Feststellung, dass Sie größer sind als Ihre 100% großen, ersternten archetypischen Gefühle, ist nicht theoretisch und nicht widerlegbar; die Feststellung beruht auf Erfahrung und ist unbestreitbar. Ihre Archetypen zeigen sich verantwortlich, erwachsen und klar und sind vollkommen an ihre innewohnende Klarheit und Kraft angekoppelt. Was sie brauchen, ist Erfahrung. Einmal initiiert stehen Ihnen die vier Archetypen für den Rest Ihres Lebens zur Verfügung. Ohne Ihre Archetypen zu ersternen, bleiben Sie funktionell halbwüchsig – für den gleichen Zeitraum.

Wenn Sie in der westlichen Zivilisation geboren wurden, dann stellt Ihnen Ihre Kultur keine Möglichkeit zur Verfügung, Ihre Archetypen zu ersternen. Doch dauerhafte Pubertät ist vielleicht nicht ganz so attraktiv. Wenn Sie aus der Quelle eines archetypischen Mannes bzw. einer archetypischen Frau leben wollen, geschützt durch die ausführende und schaffende Kraft eines Kriegers bzw. einer Kriegerin, mit anderen verbunden durch einen liebenden Kommunikator, mit direktem Zugang zu Erfindung durch einen Magier bzw. eine Magierin, dann wird es an Ihnen liegen, dies in die Tat umzusetzen. Sie oder keiner wird Verantwortung übernehmen, über die Grenzen der Kultur hinaus zu gehen, um ein intelligentes Umfeld zu finden, das exakt dazu entworfen ist, Ihre Archetypen zum Leben zu erwecken – zu Ihrem Leben!